Answering Lagos

Dunja Herzog, Answering Lagos, 2017

Lagos

Das Telefon kingelt.
„Hello Taxify?“
Ich habe zu Anfang nie die Fahrer mit ihrem Namen angesprochen, obwohl sie auf dem Telefon-Display aufscheinen. Das fiel einem Freund von mir auf. Von da an habe ich versucht, darauf zu achten.
„Are you already in Alagbon close?“ Wenn ich „Alagbon close“ sage, gehe ich am Ende von Alagbon mit der Stimme immer hinauf. Eigentlich sollte ich am Ende mit der Stimme hinunter gehen. Ayo, ein guter Freund von mir, hat das zum Running Gag gemacht. „Let’s go to Alagbon close…“ Hhihihi! Ja, ich weiß, geschrieben ist das nicht wirklich lustig.
Now, in my Swiss flat, I’m sometimes talking to myself because I enjoy hearing the sound of my voice. I miss talking in the Lagos way! I miss sound in general. People. Here everything is so fucking silent! Perhaps this is because of winter. But I know better!
Some things I truly don’t miss, like the roaring of the generators in the night. I was always happy to turn off the generators, and if I was lucky the others were turned off as well, so I could hear the concert of the insects and let them carry me into sleep. I know that sounds of insects and birds in Lagos are not part of an an average experience, but it was mine. I lived in a 1950s tropical modernist house surrounded by trees where once was a fishing viallge. The concrete steps leading to the lagoon are still there.
Luckily I found the audiobook of Nnedi Okorafor Lagoon, a science fiction novel, in which aliens invade
Lagos. An amazing story and two great narrators bring Lagos right back to me. Sadly I finished it today. Now I really have to arrive.
„Are you already in the close? Yes? Ok! You have to drive to the end of the close, then you see it’s not the end, but the street makes a sharp curve to the left. Please, follow the curve. Pass the Mango tree and then you see a compound with a lot of trees on your right. There is a red gate with black symbols on. That is number 12. But it’s not written on it. The next gate is a blue gate and there you see number 14. Please wait in front of the red gate, not of the blue one, otherwise I will get into trouble with the guards. Ok? Just give me a call when you’re there and I come right out.“
Dann brauchte ich immer noch einen Moment, um meinen Kram zusammen zu packen und meine Tür auf- und wieder abzuschließen.
„Good afternoon.“
„Good afternoon.“
„How are you doing?“ In Pidgin English wäre das „How you dey?“
„I dey fine—I’m fine.“
„Where do you go?“
„Yaba, Ebute-Metta, Railway compound. Please if you could take the Third Mainland Bridge, then go to Adekunle Street, then to the Murtala Muhammed Way. I will hop off there somewhere, before the post office bus stop. I know where I go.“
„You know where you go?“
„Yes.“
„Good. Can I start the trip?“
„Yes, please.“
Und dann fährt man los.
Rechts am Friedhof vorbei.
Ein Taxify Fahrer hat mir erzählt, dass der Friedhof von den Weißen gebaut wurde, denn die Schwarzen hätten Angst vor den Toten. Sie hätten das gemacht, um eine Grenze zu ziehen.
Tatsächlich ist es so, dass sich auf der einen Seite vom Friedhof Obalende befindet, das ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt ist, der Ikoyi, Lagos Island, mit dem Mainland verbindet. Von Obalende kommt man aber auch zum ältesten Teil der Stadt, auch auf Lagos Island, wo sich unter anderem der Balogun Markt befindet – einer der größten Märkte, auf dem ich je war. Mainland ist der normale Teil der Stadt. Auf der anderen Seite des Friedhofs beginnt das Gebiet der Reichen. Ikoyi. Victoria Island und Lekki.

Wenn man dann unter dem Mangobaum durchgefahren ist und die scharfe Abzweigung nach rechts genommen hat, kommt man auf eine sehr belebte Straße. Es gibt viele Potholes und viele Autos parken hier tagsüber, weil sich die Passbehörde und die Polizeistelle hier befinden. Man sieht viele Uniformierte mit Waffen, Frauen, die Essen verkaufen, und es gibt den Barbershop, wo man auch kopieren und Telefon-Units kaufen kann.
Links von der Straße, also auf der anderen Seite des Friedhofs, befinden sich die Ruinen des Federal Secretariat. Ein unglaublich riesiger Gebäudekomplex, der seit 26 Jahren einfach leer steht. Gebaut wurde er 1976 und er wurde 1991 verlassen, als die Regierung nach Abuja zog. Und nicht weit davon entfernt ist das Alagbon Close Prison. Der Philanthrop Moshood Abiola wurde hier eingesperrt, nachdem er 1993 die Präsidentschaftswahlen rechtmäßig gewonnen hatte. Am Tag seiner Entlassung 1998 fand er dort auf merkwürdige Weise seinen Tod. Auch Fela war hier 1974 in einer Zelle namens Kalkutta eingesperrt. In seinem Album Alagbon Close singt er unter anderem (Ich muss mich bei Ayo bedanken, denn ich kann natürlich kein Pidgin English): „…now listen… ahahh!… Alagbon dey roll… like one yeye bal… wey one yeye wind… dey blow for one yeye corner… (Alagbon is rolling. Like a useless ball, being blown by a useless wind from a useless corner)… now listen… ahahh!… for what happened… dem go lock you till you die… registry nor get eye for back o (registry doesn’t have a back eye)… for what happened… your lawyer go quench for station… dem go lock you and dem go charge you for court… magistrate go stand up, oyinbo go roll (magistrate will start speaking english in the room)… for what happened… you go sing and quench for jail… you go dance and paint for cell… for Alagbon, for Alagbon… dem nor get respect for human being… dem go send dem dog to bite-bite you… dem go point dem gun for your face… the gun wey dem take your money to buy (the gun they bought with your tax money)… for Alagbon… dem go lock you for months and months and months…”

„Can I charge my phone with you?“
„Sure.“
„How is traffic today?“
„It’s ok.“

Wenn ich morgens nach Yaba, Mainland, fuhr, war der traffic meistens ok. Zum Glück! Denn wenn man morgens von Yaba nach Island fährt, nach Ikoyi oder Victory Island (kurz VI) zum Business District, kann man schon mal für ein paar Stunden in einem Go Slow, einem Stau, stecken bleiben. Schlimmer ist es natürlich abends, wenn man zurück nach Mainland will. Nach 17 Uhr irgendetwas in Ikoyi machen zu wollen, ist totaler Irrsinn. Ich habe mein Taxi auch mal stehen gelassen, bin zum „Spar“ gelaufen, habe eingekauft und dann erst kam das Taxi angefahren…
Wir fahren also über Obalende zur Third Mainland Bridge.
Die wurde 1990 von Julius Berger gebaut und war für eine Zeit die längste Brücke Afrikas.
Hauptaktionär der Julius Berger Nigeria Plc ist die Bilfinger SE – eine Firma mit Nazi-Vergangenheit. Der jüdische Gründer, Julius Berger, musste 1933 unter Druck der Nationalsozialisten aus der Firma ausscheiden und wurde 1942 zusammen mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert, wo er, laut Wikipedia, 1943 an Hunger und Entkräftung starb. Seit 2014 ist Bilfinger Teil der Schweizer Firma Implenia. Julius Berger ist bis heute eines der wichtigsten Bauunternehmen in Nigeria und größter privater Arbeitgeber des Landes.
Inzwischen überholen die Autos links und rechts. Verkehrsregeln gibt es keine.
Wenn man nach links schaut, sieht man Rauch aufsteigen. Das ist die Okobaba community, der größte Holzmarkt in Westafrika. Visuell ist Okobaba apokalyptisch… ich merke gerade, dass er für mich für das steht, was in Lagos nicht funktioniert… auch für das, was nicht sichtbar ist… wahrscheinlich ist das nicht gerechtfertigt… aber Okobaba erfüllt das Bild, das wir im Westen von Elend und Armut haben, einfach zu perfekt. Mediale Konditionierung.

Wenn wir auf die Brücke kommen, höre ich meistens auf, in mein Handy zu starren und schaue aufs Wasser… hänge meinen Gedanken nach. Das ist so ein bisschen wie eine Auszeit. Wenn ich nicht weiter irgendetwas auf meinem Handy mache, was total respektiert wird, dann gibt es immer irgendwelche Gespräche.
Ich habe viel über Lagos gelernt wäh­rend meiner Fahrten. Die meisten Fahrer sind in Lagos aufgewachsen oder kommen aus einem anderen Ort in Nigeria und haben eine sehr gute Bildung. Meistens ist Taxi fahren der zweite oder dritte­ Job, den sie haben, oder sie fahren Taxi, weil sie in ihrem Beruf keine Anstellung finden. Was für eine Verschwendung!

Eines meiner Lieblingsthemen ist Religion!
„Are you christian?“
„No.“
„What, you are not a christian? What are you then? A muslim?“
„No.“
„What then?“
„Mhhh, perhaps I’m closest to a buddhist, and I believe in animism. I’m intrigued by Yoruba philosophy.“
„Buddhism… mmh, I heard about that…“
„So, you do not believe in God?“
„No, not really…“

Nicht einfach, in einem Land wie Nigeria nicht an Gott zu glauben! Da gibt es viel zu diskutieren!
The Holy Spirit is everywhere!
Run For Your Life ministry, Jesus no get muscle but he get power ministry, Accredited Church of God, Jesus the landlord, We the Relaxing Pew ministry, Guided Missiles Church, Ministry Of The Naked Wire, Jehova Sharp Sharp Ebute-Metta. The Three Shores. Früher war hier alles voller Lagunen.

Wir halten an der Tankstelle.
„How much?“
Der Fahrer zeigt mir das Display.
Ich bin froh, dass es inzwischen Taxify gibt und ich ein Smartphone habe. Keine diskriminierenden Taxipreise mehr! Vorher musste ich immer feilschen. Und da hat man als weiße Person immer das Nachsehen, mag man auch noch so gut sein.
„Was nice chatting with you!“
„Yes. Please can you give me a five star?“
„Sure!“
„Have a nice day.“
„You too.“
Ich überquere die Straße und schlüpfe durch eine kleine Tür in der Mauer in den Railway Compound.
Hier findet die Biennale statt.
Dreams wartet auf mich.

Dunja Herzog, Answering Lagos, 2017
Dunja Herzog, Answering lagos, 2017

Batteries of Love

Als ich Tschoko in Douala kennengelernt habe, war er schrecklich krank. Ich habe bei ihm gewohnt, um ihm mit der Miete zu helfen. Tschoko war Ingenieur in Frankreich gewesen und dann in Kamerun, bevor seine Frau ihn verließ, er den Job verlor und dann anschließend von einer mysteriösen Krankheit heimgesucht wurde, die kein Krankenhaus heilen konnte. Er ging zu einer Heilerin in seiner Heimatstadt Bafang, die ihm sagte, dass das, was er habe, keine normale Krankheit, sondern eine Initiationskrankheit sei. Er fing an, bei ihr zu studieren und ist selbst Heiler geworden. Er trägt seitdem einen Armreif aus Kupfer und erklärte mir, dass sich der Reif verfärben würde, wenn irgendetwas komisch wäre. Der Reif ist so etwas wie sein Ratgeber. Er gibt Hinweise.

Anscheinend können Gegenstände aus Kupfer und Bronze Energie wie eine Batterie speichern.

Als ich Doyin, die Yoruba Hohepriesterin von Oshun und Obatala in Oshogbo nach ihrer Meinung dazu frage, stimmt sie dem zu. Sie trägt etliche Bronzearmbänder als Symbol von Oshun, die konstant klingeln.
Oshun ist Deity des Flusses Oshun. Sie ist der Fluss. Sie ist aber auch Deity von Schönheit, Sinnlichkeit, Liebe, Mutterschaft, Fruchtbarkeit und Business. Fische, Spiegel und Glitzerzeug werden mit ihr assoziiert und sie liebt Honig.

One day at the Biennale I was wearing my bronce fish pendant.
„Wow, what a nice fish you have“ Jelili Atiku says to me. „Where did you get it from?“
„I did it myself“
„Really?“
„Yes, I did it in Cameroon and will soon go to Benin City to start producing there.“
„Can you do one for me?“
„Sure!“

Ich fühle mich sehr geehrt, dass Jelili meinen Fisch toll findet und gerne einen für sich selbst haben möchte. Jelili ist meiner Meinung nach einer der wichtig­sten, radikalsten und interessantesten Künstler Nigerias.
In Benin City gießt man Bronze seit dem 13. Jahrhundert. Die „Benin Heads“ gelten als wichtige Kunstwerke traditioneller Afrikanischer Kunst. Leider befinden sich die meisten in London, Berlin oder New York. Die Briten haben 1897 Benin City, trotz des größten von Menschen je erbauten Erdwalls, zerstört, und mitgenommen, was sie finden konnten und geben es bis heute auch nicht zurück.
Das war das Ende eines der ältesten und wichtigsten Reiche Westafrikas, das seinen Reichtum auch dem Sklavenhandel zu verdanken hatte. Es gibt Theorien, dass alle Bronzekunstwerke ab dem 14. Jahrhundert mit dem Metall von Manillas hergestellt wurden. Manillas ist Sklavengeld aus Bronze. Das Kupfer dazu kam von den Europäischen Minen der deutschen Fugger-Familie. Die Manillas wurden in Antwerpen hergestellt und dann an die Portugiesen verkauft, die sie dann wiederum an der Westküste Afrikas gegen Sklaven eingetauscht haben. Tausende von Tonnen wurden an die afrikanische Küste geliefert…

Als ich Jelili in seinem Atelier besucht habe, brachte ich ihm seinen Fisch mit. Er hat sich sehr gefreut und sagte, dass er den Fisch von seinem Priester „besprechen“ lassen würde, um ihn „truly“ zu seinem eigenen zu machen.
„What do you mean by that?“
Jelili erklärt mir, dass er gerne möchte, dass der Fisch für ihn so etwas wie ein Amulett wird. Weil das Symbol des Fisches mit seiner Person in engem Zusammenhang steht.

Sein Priester würde das Orakel befragen, um herauszufinden, wie er den Gegenstand für ihn personifizieren kann. Wenn er dann die Information bekommen hat und die entsprechenden Sacrifices gemacht wurden, kann er den Fisch mit den benötigten Informationen füllen, sie in ihn hineinsprechen. So wird der Fisch ein Teil von ihm.
„Wow! Interesting! That’s an honor for my fish!“
Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden! Ist immer so eine Sache mit diesen Dingen…
Später im Oktober bin ich, völlig erledigt von der Biennale, mit Ranti nach Oshogbo gefahren, um mich auszuruhen und mich im heiligen Hein aufzuladen. Wir sind dann auch mit Doyin zu Oshun, dem Fluss.
Zusammen mit den Bananen, die wir an die Affen verfüttert haben, hatte sie auch Kolanüsse gekauft. Sie gab sie uns und hat uns angewiesen, mit der Nuss die Stirn und die Brust zu berühren und dann in die Nuss zu sagen, was wir uns wünschen. Die Nüsse haben wir dann in den Fluss geworfen, sozusagen an Oshun übergeben.
Gegenstände können also tatsächlich akustisch Energien aufnehmen, man kann sie aufladen.
Wie ist es dann mit der Energie von E-Waste?
Mit Kupfer, das aus E-Waste gewonnen wird, mit Bronzeteilen aus irgendwelchen Maschinen? Das muss dann ja energetisch total verseucht sein!
Aber vielleicht ist es ja so, dass beim Schmelzen dieses Metalls die bösen Energien durch die hohen Temperaturen verbrannt werden, die dann in schwarzem Rauch aufgehen und so die negativen Schwingungen neutralisiert werden können. Ja, so muss es sein!
Denn, wenn man ein Objekt, das man gerade gegossen hat, aus seinem Erdmantel befreit, dann gibt es da etwas Rohes, etwas, was vorher so nicht da war.

„It’s a little bit magic!“
Und wenn man das Schmuckstück dann tausend Mal in seinen Händen gedreht und geschliffen hat, bis es ganz fein, vor lauter Reiben warm und glänzend ist, dann fühlt man sich ganz alchemistisch!

In Benin City habe ich mit der Familie von Phil Omodamwen zusammen gearbeitet. Seit sieben Generationen gies­sen sie Bronze und sind Teil der Bronze Gilde der Stadt. Die Gilde ist sehr traditionell, zum Beispiel dürfen keine Frauen in die Kunst des Gießens eingeweiht werden. Sie könnten das Gießgeheimnis der Familie bei der Heirat ja ausplaudern. Phils Vater ist aber schon von der Igun Street weggezogen, wo bis heute fast alle Bronzegießer arbeiten und ihre Shops haben. Phil selbst ist auch offener und weiht, entgegen der Tradition, Nicht-Familienmitglieder in die Kunst des Gies­sens ein. Vielleicht auch, weil keiner seiner Söhne Lust hat das Atelier weiter zu führen, sondern beide zur Uni gehen. Als ich da war, hatten sie gerade Ferien und haben ihrem Vater, beziehungsweise mir geholfen, meinen Schmuck zu machen. Sie fanden den Schmuck cool, the Groundnut Pepper Gang! Nach zwei Tagen sind dann auch Phils Töchter, 14 und 6 Jahre alt, jeden Tag ins Atelier gekommen, was Phil sehr verblüfft hat, da sie bislang keinerlei Interesse gezeigt hatten. Future designers! Es war wunderschön mit der ganzen Familie zusammen zu arbeiten!

Batteries of love!

Nelson Edewor, A monster is strangling us, 1998 für Dunja Herzog, Answering Lagos
Nelson Edewor, A monster is strangling us, 1998

Lagos

Auf dem Markt in Obalende. Isaak und ich … Wir gehen über den Autohof und dann höre ich hinter mir:
„Ibo! Ibo!“
(Schreiben tut man das Oyinbo, oder Oyibo, was Pidgin ist und Weiße bedeutet, beziehungsweise, kulturell nicht aus Afrika stammend – sagt Wiki… Uhh… lese gerade was das wirklich bedeutet. Anscheinend kommt das vom Yoruba Wort für „peeled skin“ or „skinless“, wörtlich übersetzt bedeutet das „the man with his skin peeled off“!
In der Igbo Sprache wird das Wort aus „onye“ und dem Ort, von dem man kommt zusammengesetzt. „Onye Deutschland“ zum Beispiel. Als die ersten Weißen kamen, hat man sie „onye ocha“ genannt, weiße Menschen, da die Igbos nicht wussten, woher die Weißen kamen. Die Geschichte geht weiter, dass die Weißen Igbo nicht aussprechen konnten, da die Igbo Sprache einer nasalen Aussprache bedarf, und so haben die Weißen „oyi ibo“ gesagt anstatt „onyi igbo“. Das hat dazu geführt, dass man die Weißen „Oyibo“ genannt hat, um sich über ihre Unfähigkeit, „onyi igbo“ richtig auszusprechen, lustig zu machen.)
Also wir sind auf dem Markt: „Oyibo! Oyibo!“

Ich drehe mich um und winke den Kindern zu, die etwa zehn Meter von mir entfernt sind und sage zu ihnen:
„Come and greet me…“
Das kleine Mädchen – sie ist ungefähr fünf Jahre alt –, das „Oyibo, Oyibo“ gerufen hat, versteckt sich hinter einem größeren Mädchen.
Ich sage nochmals: „Come, come and greet me“.
Das kleine Mädchen versteckt sich weiter und die anderen Kinder lachen. Inzwischen sind auch die Erwachsenen rund herum auf uns aufmerksam geworden und lachen ebenfalls. Ich lache auch und gehe weiter. Wir holen unser 12-Pack Eve Wasser, zum Glück ist es kein Nestlé Wasser (Später merke ich, dass es von Coca-Cola ist!). Isaak trägt die 12 Kilo auf den Schultern und geht voraus.
Wir gehen zurück über den Hof. Ich suche meinen Weg zwischen den Pfützen und als ich hochblicke, steht das kleine Mädchen nur zwei Meter von mir entfernt.
Ich: „Ah, here you are…“
Sie sieht mich, reißt entsetzt ihre Augen auf, gibt einen kurzen, kleinen Schrei von sich und flitzt zusammen mit ihrer Freundin quer über den Hof. Ich überquere den Hof ebenfalls und gehe zufällig in die gleiche Richtung wie das Mädchen. Sie sucht Zuflucht am Verkaufsstand ihrer ungefähr 12 Jahre alten Schwester. Da ich an den Mädchen vorbei muss, probiere ich es nochmals. Ich stelle meine schweren Markttaschen ab und sage mit einem netten Lächeln und indem ich die Hand ausstrecke:
„Come and greet me, you don’t need to be afraid“
Da reißt sie ihre Augen ganz weit auf und versucht sich zuckend noch mehr hinter ihrer Schwester zu verstecken. Ich sage mein Sätzchen nochmals, natürlich auch ungläubig lächelnd, aber auch ganz emphatisch…
Inzwischen haben einige Erwachsene mitbekommen, was vor sich geht, kommentieren und lachen…
Und da merke ich, dass dieses kleine Mädchen einfach wirklich, wirklich, riesige Angst vor mir hat. So eine Angst, dass sie ihren Körper nicht ganz kontrollieren kann und anfängt, panisch irgendwelche lauten Rufe von sich zu geben. Ich bin ganz ungläubig, aber merke, dass ich weg muss, um dieses arme Mädchen zu erlösen.
Es ist verrückt, wenn man richtige Angst und Panik in den Augen eines menschlichen Wesens wahrnimmt und merken muss, dass man selbst der Grund dafür ist.
Mir fällt Fanon ein und seine viel zitierte Szene von einem kleinen weißen Kind, das zu seiner Mutter sagt: „Tiens, un nègre… Maman, regarde le nègre, j’ai peur“
In meinem Fall ist das umgedreht, und doch nicht ganz. Ich kann nicht mein Erlebnis mit dem von Fanon vergleichen. Ich kann es nicht, da die Grundstruktur ganz einfach anders ist. Weiß sein heißt Power… und Angst vor jemandem, der weiß ist, ist etwas anderes, als Angst zu haben vor jemandem der schwarz / braun / African descent ist…

Die Whiteness Studies würden dieses Erlebnis wahrscheinlich als eine gesunde Erfahrung einstufen.
Look a white! Weißsein nicht als Norm erfahren, nicht aus der Position der Mehrheit, sondern als Minderheit.
Weißsein – das bringt immer Vorteile mit sich. Wenn man sich in seiner eigenen Gesellschaft befindet, dann nimmt man sie nicht wahr, tritt man aber aus dem goldenen Käfig heraus, dann merkt man, dass Weißsein Macht bedeutet. Ist das gerechtfertigt? Nein! Aber es ist Fakt. Die Frage ist, wie man damit umgeht.
Denn Tatsache ist auch, dass ich nur dank Schweizer Steuergelder auf dem Obalende Markt einkaufen gehen kann. Wenn die Basler Mission, die dann die UTC (United Trading Company) wurde, nicht über mehr als 150 Jahre in Nigeria sehr gute Geschäfte gemacht und in Basel Steuern gezahlt hätte, hätte mich die Schweiz, respektive Basel, nicht so großzügig mit Projektgeldern für die Biennale unterstützen können.
Und das gilt auch für weitere Schweizer Firmen wie Panalpina, Alusuisse, Novartis, Implenia und Filtex.

Ich könnte nicht so lange in Nigeria sein, dass es Sinn machen würde, ein Haus zu mieten und selbst zu kochen, also auch selbst auf den Markt zu gehen und mir die Zeit zu nehmen, mit kleinen Mädchen zu kommunizieren, oder vielmehr ihnen Angst einzujagen. Und noch viel weniger Zeit dazu, mir über all dies den Kopf zu zerbrechen und diese Zeilen hier zu schreiben.

Zeit zu haben, dies zu tun, bedeutet Macht zu haben, Geld zu haben. Und Geld kommt immer irgendwoher. Und wenn es um viel Geld geht, ist es oft nicht mit rechtmäßigen Mitteln erworben oder hat mit der einen oder anderen Art von Ausbeutung zu tun.

Und vielleicht ist es das, was dem kleinen Mädchen nicht ganz geheuer vorkommt.

Ein Freund aus Lagos hat mir erzählt, dass das erste Buch, das er in der Schule lesen musste, Oliver Twist war!

Starship 17: Cover Park McArthur, Martin Ebner
  1. Some follow up questions Park McArthur
  2. Editorial #17 Starship, Gerry Bibby, Ariane Müller, Nikola Dietrich, Henrik Olesen, Martin Ebner
  3. New York City in 1979, shot in 1981 Anne Turyn, Chris Kraus
  4. E.very D.amn C.olor Eric D. Clark
  5. Then I wanted to make a happy end for once Ariane Müller, Verena Kathrein
  6. Answering Lagos Dunja Herzog
  7. Fashion Fiction Eduardo Costa
  8. Hello world Vera Tollmann, Stephanie Fezer
  9. Social bodies Mercedes Bunz
  10. Saint Lucy Luzie Meyer
  11. The Overworked Body: An Anthology of 2000s Dress Robert McKenzie, Matthew Linde
  12. Untitled (waiting for trouble) Tony Conrad
  13. #PLZ, RESCHYKLI$CCH Karl Holmqvist
  14. Life, Liberty, and Data Antek Walczak
  15. Eine schmutzig-weisse Schweizerin Hans-Christian Dany
  16. Butterrr Mikhail Wassmer
  17. Botanical Quinn Latimer
  18. Marie Angeletti; Les veaux, les agneaux Marie Angeletti
  19. Insect Love Tenzing Barshee
  20. In the Name of Jakob Kolding
  21. Pavilion-in-Parts. A Logbook. Florian Zeyfang
  22. 2017, Year of the L.I.E. Jay Chung
  23. Schriftproben bei Vergiftungen Stefan Burger
  24. Flightless Gerry Bibby
  25. Der Beautiful Books Club (BBC) Stephan Janitzky
  26. The Provenance of Privilege in the Primary Market Mitchell Anderson
  27. MD / NS Natasha Soobramanien
  28. Time Warner Some Notes on Now Monika Senz
  29. Image is an Orphan Shahryar Nashat
  30. The Bavarian Vampire 1–4 Veit Laurent Kurz, Levi Easterbrooks
  31. Indefinite Violence David Bussel
  32. Because of you I know that I exist Viktor Neumann
  33. Discarded Sounds (Intro) Robert Meijer
  34. Verweile doch Theresa Patzschke
  35. rare fragments from the notebook of an unspecified archetype Scott Cameron Weaver
  36. Starship 17 Julian Göthe
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