Verweile doch

Wenn die Blätter, die den ganzen Sommer über ihre Funktion erfüllt hatten, die aus verschiedenen Perspektiven verschieden aussehen konnte, gelb wurden, weil sie nicht mehr mit genügend Feuchtigkeit versorgt wurden und sie deswegen einen stechenden Geruch annahmen; wenn die Sonne auf diese Blätter fiel und sie dadurch glänzten und der Wind sie typischerweise bewegte und jeder einzelne Baum zu einer mystisch-brennenden, das Leben symbolisierenden Kerze in einer bleichbeschienenen Traumwelt wurde, wollten sie beide nichts lieber, als eines zusammen zu tun: sterben.

Wenn die Seele sich im Herbst hinunterschwang in die Tiefe wie die Taube von ihrem Fenstersims direkt vor ihnen in das Becken des Herbstes, auch dann wollten sie nichts lieber, als zusammen zu sterben.

Das Dilemma des Schönen vs. des Nicht-Schönen war ein großes in ihrem Leben. Da sie sich gegenseitig die vollkommene Schönheit offenbart haben, haben sie sich ebenso gegenseitig die Problematik des Verweilen-Wollens eröffnet.

Wenn die Linden im Frühling ihren subtilen Geruch der Unendlichkeit in der Luft verteilten und die Kastanien ihre obszönen Fackeln in den Nachthimmel stellten, auch dann wollten sie am liebsten sterben.

Und sie starben auch.
Sie starben zusammen, wenn sie sich gegenseitig in die Augen schauten und es keinen Halt mehr gab. Das Leben stellte sich ihnen dann immer wieder in den Weg und benetzte ihre Lippen und ihre Augen. Aber natürlich wollten sie auch das zusammen: den bernsteinfarbenen Sirup aus überreifen Feigen heraussaugen.

Spanne deine Flügel auf
Für den Tod
Lasse die Sterne auf dich regnen
Bis sie dich entzünden
Vergiss alles
Außer meine Finger in deiner Scheide
Das Ende ist bei uns
Und mit ihm die Ewigkeit
Lass uns endlich aus dieser
Vollkranken Welt verschwinden –
Vergiss alles
Außer meine Vulva in deinem Mund
Pinkel mich an mit unserem Tod,
Ich geb dir mein Leben und meine Gewalt
Vergiss alles.

Dies war das Gedicht, das Mathilde Henna aufgesagt hat, als sie nackt auf einem Friedhof waren. Inzwischen reichte es, wenn Mathilde Henna ins Ohr flüsterte: Vergiss alles. Und Henna kam.

Die Vorstellung für Sex zu zahlen, hatte für sie etwas Gött­liches. Wenn Henna arbeitete, träumte sie davon, dass einmal ein Kunde oder eine Kundin sie nach Sex und nicht nach Klei­dung fragen würde. Natürlich würde sie nicht einwilligen, ohne sich zu verhuren. Unter dem Vorwand eines Handels würde sie das herrlich-perverse Spiel mit der Geilheit auf die Spitze treiben. Aber tatsächlich kam niemand und die Umkleidekabinen blieben trocken und unbeseelt. Als sie Mathilde von diesem unbefriedigenden Zustand erzählte, schliefen sie miteinander und schmiedeten einen Plan. Sie würden einfach selber die Leute nach Sex fragen. Sie würden herumgehen wie zwei Engel und den Leuten beides bringen, Sex und Geld. Und die Leute würden es großzügig annehmen, wie einen Potlatsch.

Das Interesse an Friedhöfen verließ sie, sobald sie verstanden hatten, wie sehr Friedhöfe Orte der Lebenden und nicht der Toten waren. An einem sonnenüberfluteten Morgen auf einem Friedhof verstanden sie es vollkommen. Das Meer aus Kunstblumen und echten Blumen strömte einen bleichen Geruch aus und besonders die Blumen aus Plastik öffneten alle Sinne, denn sie waren ja nichts weiter als Tore zur Phantasie. An diesem Morgen verstanden sie, dass diese Gräber Höhlen waren, aber nicht der Toten. Es waren die Höhlen der Lebenden, die sie sich ständig um sich herum einrichteten, indem sie Gegenstände und Gedanken auf bestimmte Weise positionier­ten und damit die Dämonen zu sich riefen, die ihnen die Welt vorführten; die sie mitnahmen und aufhängten in dieser Welt und die Denkräume und Träume aus den Höhlen durch die Unglaublichkeit in das unerklärliche Andere fließen ließen. Höhlen der Lebenden. Eine solche Höhle konnte zum Beispiel der Platz auf einer Liegewiese sein, das Handtuch als Grundlage der Empfindungen für die nächsten Stunden in dieser Welt. Diese Gräber waren nichts weiter als Orte auf einer Liegewiese, die den Besuchern eine Verbindung zur Welt gaben, amplifiziert durch den Tod. Was Henna und Mathilde begriffen, war, dass es gar keine Toten auf diesem Friedhof gab, außer vielleicht einige, die wie sie zwischen den Gräbern entlangliefen, angezogen durch das Meer von Blumen. Henna und Mathilde wussten nichts mehr mit sich anzufangen und beschlossen, mit ihrem Plan fortzufahren.

Sie gingen in eine Bäckerei. Die Frauen, die in dieser Bäcke­rei arbeiteten, waren so unfreundlich, dass sie sich seit Jahren untereinander nur noch Fotzen nannten. Das war ein guter Ausgangspunkt. Henna und Mathilde kamen gerne hierher. Das Corporate Design des Ladens und die lustlose Bösartigkeit der Frauen hinter der Theke hatten für sie etwas Beruhigendes. Der Ort war mehr tot als lebendig, die sorgfältigen kleinen Demütigungen der Verkäuferinnen enthoben ihn jedoch mit ihrer stechenden Bitterkeit der Bedeutungslosigkeit. Als sie ankamen, ging es nicht ganz ohne Gewalt, aber schließlich lagen die drei Fotzen zwischen Blechen und Backpapier und bekamen geschlitzte Schrippen auf ihre nackten Schamlippen gerieben und saugten an den Brüsten ihrer Besucherinnen. Die Fotzen stöhnten und spritzten und pissten alles voll und konnten nicht genug kriegen. Aber irgendwann zogen sich Henna und Mathilde wieder an, gingen nach vorne in den Ladenraum, nahmen sich zwei Schrippen mit und ließen 300 Euro auf der Theke liegen.

Auch der Angestellte der Versicherung ging nicht ganz freiwillig mit ihnen. In den Toiletten mussten sie ihm seinen eigenen Gürtel um die Kehle legen, damit er nicht losschreien würde. Man konnte nicht sagen, dass ihn sein Entsetzen nicht erregt hätte und irgendwann erlaubten sie ihm zu kommen. Sie ließen ihm alle Scheine da, die sie bei sich trugen.

Die Blondine aus der Wäscherei zogen sie direkt an ihren langen gelockten Haaren in den Hinterraum, wo sie sie stundenlang mit einem strap-on auf den Wäschebergen befriedigten. Ihre Gesichtshaut wurde rosa genau wie ihre Schamlippen und der Geruch ihrer Scheide vermischte sich mit dem Geruch der frisch gewaschenen Wäsche. Absurderweise sah sie aus wie ein Engel, als sie dort lag, und genau diese Absurdität machte ihnen allen drei großen Spaß. Sie überschütteten sie danach mit Geld.

Dann waren sie pleite. Aber das wusste niemand. Die Nachbarschaft war erfüllt von dem einzigartigen Geruch nach Angst und Lust, eine Mischung die den meisten Menschen schon mit der Muttermilch gegeben wird und ihnen deswegen so unglaublich vertraut vorkommt. Die Leute ließen sich gehen in dieser hilflosen Geilheit, für die sie glaubten, sich nicht schämen zu müssen, weil sie hineingezwungen wurden. Dabei war klar, dass sie nicht vor den beiden Frauen, sondern vor sich selbst Angst hatten. Das Wissen um das, was seit einiger Zeit geschah, war tief und weit verbreitet, auch wenn nie auch nur ein einziges Wort darüber gesprochen wurde. Die beiden Engel, die Sex und Geld brachten, kriegten zum Austausch dafür Macht. Und zwar Unmengen davon. Sie bekamen alles, was sie brauchten und noch mehr, ohne jemals danach zu fragen. Sie bekamen eine Macht, auf die sie es niemals angelegt hatten, aber die ihnen natürlich gefiel.

Tobias Spichtig, Pisser, 2017, in Theresa Patzschke, Verweile doch
Tobias Spichtig, Pisser, 2017
Starship 17: Cover Park McArthur, Martin Ebner
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