Clouds

The state of the world ...

Sigmar Polke, Leidenschaft ist unser Antrieb
Eine kugelige Cartoongestalt, kein Kollektiv, spielt Geige unter Wasser – also den Haaren nach zu urteilen, die schwimmen nämlich oben. Hört dann eigentlich keiner die Musik? Ist die Leidenschaft deswegen ganz falsch investiert?
The state of the world is worrying—not only out of joint, but in a sick, unhealthy state.
Language suffers, political lies are spread, facts aren’t forgotten but “lied away.”
Terms are expropriated, twisted, devalued. In order to access some kind of distant point-of-view, we read Simone Weil and listened to Hannah Arendt, but still haven’t figured it out. Still too much in the thick of it all. So we exchanged a few letters.

Liebe Vera, jetzt hab ich mir auf deine Anregung hin die Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien angeschaut. Darin schreibt Simone Weil, dass Parteien nicht funktionieren, dass jede Parteizugehörigkeit falsch ist. „Eine politische Partei ist eine Maschine zur Fabrikation kollektiver Leidenschaften.“ Parteien würden Totalitarismus und Lüge gebären. Dabei sollten Parteien eigentlich dem Gemeinwohl dienen. Das aber hätte nur kurz nach der französischen Revolution gut geklappt. Ihr Text von 1943 war als Baustein für die Vorbereitung der Nachkriegsordnung durch die französische Résistance gedacht.
Je mehr Leute zusammen entscheiden, desto mehr würden die Lügen ausbalanciert werden – die einzelnen Leidenschaften, so Weil, neutralisieren einander: „Eine demokratische Verfassung ist gut, wenn sie zunächst diesen Gleichgewichtszustand im Volk herstellt und dann erst darauf hinwirkt, dass der jeweilige Wille des Volkes ausgeführt wird“. Die Entstehung von „geheimen Parteien“ könne man nicht verhindern, verglichen mit den regulären Parteien wären sie aber das kleinere Übel. Bild: Alice Weidel, wie sie vor Wut ein kleines bisschen mit dem Fuß aufstampft (YouTube: „AfD-Fraktion verlässt Bundestag bei Rede von Johannes Kahrs, SPD, am 12.09.18“)
Und was kommt in der Stunde Null, nach dem Umsturz, der Kapitulation, der Revolution, dem Desaster? Stellen sich nicht automatisch wieder ganz schnell Hierarchien ein? Habe mich eben, warum auch immer, in das Jahr 1945 eingelesen, mit Ruth Andreas-Friedrichs Schauplatz Berlin und Erich Kästners Notabene 45. Neuaufbau, größtenteils ohne Plan und nur bedingt zuversichtlich, Treibsand unter den Füßen. Kästner, 19. April 1945: „Das Neben- und Durcheinander wird zum Knäuel […] Die Unordnung überstürzt sich“. Für meine Zeitreise wäre das der falsche Zeitpunkt in der Geschichte.
Adios, Stephanie

Liebe Stephanie, 1945 also. Auch Gerhard Köppen schildert die Zeit unmittelbar nach dem Krieg in Das Treibhaus als äußerst vertrackt. Sicher kein glatter Cut. Zurück zu den kollektiven Leidenschaften! Da steckte bei Weil vielleicht doch das Leiden am Totalitarismus drin, der alten Wortbedeutung nach, als passibilité aus dem Französischen mit Leidenschaft übersetzt wurde, um den leidenden Zustand in der Sprache zu transportieren. Bald verrutschte die Bedeutung und mit Leidenschaft war fortan eine heftige, unbedachte Seelenregung gemeint. Weil sieht in den kollektiven Leidenschaften Antrieb für Lügen und Bedrohung für das Denken, das sie à toute force gegen die Parteien und ihre, wie sie findet, kläglichen „Pro und Contra“-Übungen in Meinungsbildung verteidigt. Sie befürchtet, dass der Sinn für wahr und falsch verloren geht, wenn viele Meinungen großzügig toleriert würden, wie unter Demokraten üblich.
Andere „Leidenschaften“ beobachtet Walter Benjamin im Kunstwerk-Aufsatz, wenn er schreibt wie die „Monsterversammlungen“, die nationalsozia- listischen Großveranstaltungen, durch die Kamera eingefangen werden und „die Masse sich selbst ins Gesicht“ sieht.
Da steckte das Leiden des Autors am Totalitarismus drin.
Bild: Praktikantin des Weißen Hauses, wie sie bei Trumps Pressekonferenz zu den Midterm Elections versucht, dem CNN-Reporter Jim Acosta das Mikrofon wegzunehmen, 7.11.2018
Ich musste grad an das Polke-Bild „Leidenschaft ist unser Antrieb“ denken, völlig andere Zeit, ganz anders gemeint.
Gestern bin ich über einen Text gestolpert, in dem die Autorin den Begriff „witch hunt“ wieder für den feministischen Jargon reklamiert, nachdem einige Amerikaner behauptet hatten, sich durch öffentliche Anschuldigungen wie von Hexen verfolgt zu fühlen. Es begann mit einem Google Doc, einer Liste von Männernamen, der Media Men List oder auch der Shitty Men in Media-Liste. Das Magazin Hustler kochte über, weil nicht bekannt war, wer die Liste angelegt hatte. Bevor die Hustlers ihre Investigativgarde aussandten, meldete sich die Initiatorin schnell selbst zu Wort. Alles nachzulesen in The Cut.
Bis gleich, Vera

Liebe Vera, ach, „witch hunt“ – ich hab grad die „Sabrina“-Serie geschaut – endlich ein Spin Off für Don Drapers großartige Tochter. Gewissermaßen auch eine verkappte #metoo-Geschichte. Old story. Sich in das System begeben, um das System von innen heraus zu verändern. Sabrina, die Undercover Agentin. More to find out in the 2nd Season. Bild: Der Journalist Jamal Khashoggi, wie er am 2.10.2018 das saudi-arabische Konsulat in Istanbul betritt. Wenn man den Aspekt der Zugehörigkeit betrachtet – darauf bezieht sich das Nachwort nur: zu Abschaffung der politischen Parteien – sind die Parallelen zu Ulrike Meinhof, wie sie Chris Kraus in Aliens & Anorexia zieht, ziemlich deutlich: Leidenschaft, Besessenheit, geboren auch, vielleicht sogar vor allem aus einem tiefsitzenden Gefühl der Nichtdazugehörigkeit. Das Gefühl, in der Gesellschaft zu scheitern. Kein Vertrauen. Auch die Rechten haben ja Simone Weil schon für sich entdeckt. Zum Beispiel Eva Herman, Ex-Tagesschau, die sich durch Weils Text bestätigt und veranlaßt sieht, im Februar 2018 ihre verquere Perspektive auf die aktuelle politische Parteienlandschaft in der obskuren Epoch Times zum Besten zu geben.
Beware! Stephanie

Liebe Stephanie, „Sabrina“ kenne ich nicht, kämpft sie alleine? Das wirkt so altmodisch. Trotzdem, RAF – da weiß ich gerade gar nicht, was ich dazu sagen könnte. Kurz nach Chemnitz postete eine Freundin auf Face- book: Jetzt beginnt der nächste Deutsche Herbst. Nur die Rollen sind neu verteilt. Im Radio sprach Aleida Assmann über die Sprache der Rechten und die Umdeutungen und ihre Worte, die sie sich von einer kleinen Gruppe heimlicher Nazis in der damaligen BRD ausleihen, einer Gruppe, die nicht damit einverstanden war, total besiegt worden zu sein. Es war gut zu hören, wie sie im Radio immer das Wort „klein“ betonte – eine „kleine“ Gruppe. Und während sie das tat, schrumpften die AfD-Nasen auch gleich auf eine unbedeutende Größe. Schmerzhaft genug, mitzuerleben, dass die Bedeutungen nicht fix sind – Begriffe wie „Alternative“ oder „Revolution“ …
Video: „Hase, du bleibst hier“, Straßenszene aus Chemnitz vom 26.08.2018
Dann werden schnell die Grenzen von Semiotik und Kulturwissenschaften des 20. Jahrhunderts klar. Unter den aktuellen Umständen wirkt Roland Barthes’ Aufforderung zur Mehrdeutigkeit und Stuart Halls Appell zum widerständigen Lesen irgendwie gekidnapped. Wir wussten zwar, dass sich im Kapitalismus die Bedeutungsproduktion beschleunigen würde und die Postmoderne einem zugerufen hatte „anything goes“ – aber in diesem Tempo? Und von diesen Leuten?
Strange days. Vera

Dear Vera, mit dem Credibility Gap, der bei Simone Weil vorkommt, hat sich ja auch Hannah Arendt beschäftigt. Wahrheit wäre diskursiv und Lügen gehören auch laut ihr immanent zur Politik: „Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheiten in der Politik schlecht bestellt ist“. Das ginge so weit, dass das unbekümmerte Aussprechen von Faktizitäten als unpolitische Haltung aufgefasst wird. Oder heute als Fake News. Während uns die Lügen als alternative Wahrheiten verkauft werden sollen. Dem „wem glaubt man eher, wer hat mehr Credibility“ einer Kavanaugh-Anhörung hat Simone Weil das Gerechte und Wahre entgegenzusetzen und Hannah Arendt ihren unbestechlichen, unparteiischen Geist. Meistens aber im Laufe der Geschichte siegte die Propaganda.
Watch out, Stephanie

Guten Morgen liebe Stephanie, Weils Text ist als Aktualisierung von Rousseaus Gesellschaftsvertrag irgendwie ganz erwartungsvoll, es geht um Vernunft versus Leidenschaften – heute würden wir vielleicht Affekte oder Emotionen sagen. Demokratie ist für Weil nur interessant, wenn sie als Mechanismus für Wahrheit und Gerechtigkeit dient, „dann ist sie gut. Sonst nicht“. Mit solchen Gedanken wie denen von Weil und Arendt könnten wir ganz gut durch die nächste Zeit kommen, ihre Texte als Prisma vor die täglichen News halten. Ach, übrigens: Nach den Midterm Elections meldet die Tagesschau vom 7. November: „Für frischen Wind werden dabei vor allem Frauen sorgen. Deutlich jüngere und aus allen Bevölkerungsgruppen kommende Abgeordnete ziehen für die Demokraten ins US-Parlament. Sie wollen den Republikanern und dem Präsidenten die Stirn bieten“. YEAH. Es wird auch, stimmt’s?
Vera xx

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